Chiasmus und das Buch Mormon

Chiasmus und das Buch Mormon

 

von Sandra Tanner

(übersetzt von Manfred Trzoska)

 

Einige HLT-Schreiber versuchen die Geschichtlichkeit des Buches Mormon zu beweisen, indem sie behaupten, dass es einen poetischen Stil enthält, der manchmal in der Bibel verwendet und Chiasmus genannt wird. Sie zeigen auch auf, dass dieser Stil erst nach der Zeit Joseph Smiths als 'Chiasmus' identifiziert wurde. So argumentieren sie, dass dessen Verwendung im Buch Mormon demonstriert, dass es eine Übersetzung von einem antiken Text ist. Eine kurze Untersuchung zeigt aber genau das Gegenteil.

Erstens: Dieser poetische Stil befand sich immer in der Bibel. Ob jemand dafür einen Namen hatte oder nicht, spielt keine Rolle. Der Stil war Joseph Smith zur Nachahmung vorhanden.

Zweitens: Lehre und Bündnisse weist Beispiele für dasselbe Muster auf. Da Joseph Smith die Offenbarungen im Lehre und Bündnisse diktierte und nicht behauptet wird, dass sie Übersetzungen von antiken Schriften wären, war dieses Muster offensichtlich ein Teil von Joseph Smiths Stil. Die Köstliche Perle und Josephs Tagebuch stellen ähnliche Muster zur Schau.

Eine Arbeit an der BYU von Richard C. Shipp „Conceptual Patterns of Repetition in the Doctrine and Covenants and their Implications“ (Magisterarbeit) kommt zu einem ähnlichen Schluss. Obwohl Mr. Shipp nicht versuchte Chiasmus-Behauptungen im Buch Mormon zu widerlegen, zeigt seine Studie, dass Joseph Smith den Rhythmus des Chiasmus und den Parallelismus aufgegriffen hatte. In seinem Bericht von 1832 von seiner Ersten Vision behauptet Joseph Smith, dass er die Bibel studiert hätte, seit er zwölf war; somit ist es ziemlich einleuchtend, dass er diesen Stil von seinen Studien her aufschnappte.

Im Ensign-Artikel vom Okt. 1989 „Hebrew literary Patterns in the Book of Mormon“ wird ein Buch über hebräische Dichtkunst, datiert auf das Jahr 1787, erwähnt, das den poetischen Stil des Parallelismus erörtert. Der Begriff „Chiasmus“ wird nie benutzt, aber dieses Buch zeigt deutlich, dass poetische Stile wahrgenommen und sogar vor Joseph Smiths Zeit studiert wurden.

Der HLT-Gelehrte Blake Ostler kommentierte, nachdem er das Buch Book of Mormon Authorship: New Light on Ancient Origins durchgearbeitet hatte:

 

Die Wordprint-Analyse von Wayne Larson und Alvin Rencher stellt wieder einmal die Theorie in Frage, dass Sidney Rigdon oder Solomon Spaulding die Autoren des Buches Mormon waren (S. 158-88). Diese Theorie kommt immer wieder an die Oberfläche, obwohl sie durch und durch unglaubwürdig gemacht wurde, wegen des Verdachts, dass die wunderbare Erzählung, die theologische Einsicht und die biblische Kenntnis, die im Buch Mormon offenbar werden, jenseits der eingeschränkten Ausbildung und geistigen Fähigkeiten Joseph Smiths liegen. In Computerstudien von nicht mit dem Text in Zusammenhang stehenden Worthäufigkeiten, um unbewusste Sprachmuster zu ermitteln, waren Wortgruppierungen von Autoren des 19. Jahrhunderts von Wortgruppierungen des Buches Mormon deutlich unterscheidbar. Ferner hatten die einzelnen Buch-Mormon-Propheten voneinander unterschiedliche und kontrastierende Stile. Solche Ausschlag gebenden Entdeckungen mögen selbst den vehementesten Kritikern des Buches Mormon zu denken geben und ein für allemal die Theorie zum Schweigen bringen, dass entweder Sidney Rigdon oder Solomon Spaulding die Autoren waren.

 

David D. Croft, ein Statistiker der University of Utah, hat den Wert von Larsens und Renchers Hauptprämisse in Frage gestellt, dass ein Autoren bezogenes Wordprint existiert ("Book of Mormon Wordprint Examined" Sunstone [März-April 1981]: 15-21). Trotzdem zitierten gut mehr als ein Dutzend Studien Renchers und Larsens, um diese Prämisse zu unterstützen. Crofts Skeptik wurde von Studien an den Arbeiten des Dänischen Philosophen Soren Kierkegaard gestützt. Gemäß Howard Hong, einem Experten über Kierkegaards Schriften, demonstrieren Computerstudien, dass der Dänische Philosoph seinen Wordprint in Bezug auf verschiedene Pseudonyme, die er in seinen Werken annahm, ausrichten konnte, wenn auch nicht so häufig und unterschieden wie jene im Buch Mormon.

Croft kritisiert die erste Version der Wordprint-Studie, die in BYU-Studies abgedruckt wurde, indem er behauptete, dass ein Wordprint eine Übersetzung nicht überleben könnte. Dieser Kritik wird in der Buch-Mormon-Autorenschaft-Version begegnet. Wordprints von zwölf deutschen Novellen, die von einem einzigen Übersetzer übersetzt wurden, zeigten einen statistisch signifikanten Unterschied, der durch die Übersetzung nicht verändert wurde (S. 177).

Das Thema der Übersetzung lässt aber ein Problem der inneren Folgerichtigkeit der Buch-Mormon-Urheberschaft aufkommen. Wenn die Anwendung einer Wordprint-Analyse Sinn machen soll, muss man annehmen, dass der „Übersetzungsprozess direkt und buchstäblich war und dass der Stil jedes einzelnen Autors erhalten blieb“ (S. 179). Um Anachronismen des 19. Jahrhunderts und King-James-Bibel-Zitate zu erklären, musste B. H. Roberts annehmen, dass „Josephs Vokabular und Grammatik im Buch Mormon genauso hinterlassen sind wie ein Fingerabdruck auf einer Münze“ (S. 13). Wenn die Ausdrücke und Gedanken im Buch Mormon teilweise das Ergebnis von Joseph Smiths Versuch sind, die Übersetzung zu vermitteln, dann können die theologischen Gedanken des 19. Jahrhundert und die Bibelzitate als Ergebnis erklärt werden, die dem Übersetzungsprozess eigen sind. Wenn diese Ausweitungen tatsächlich Josephs sind, dann sollten sie aber sein Wordprint widerspiegeln. Anzunehmen, dass Nephi im 6. Jahrhundert v. Chr. Zugriff auf eine King-James-Bibel hatte oder dass er mit der arminianischen Theologie vertraut war, würde über die Grenzen der fachkundigen Gelehrtenschaft hinausgehen. Dennoch ist dies genau das, was angenommen werden muss, wenn man den Wordprint ernst nehmen will. Trotz dieser Kritik müssen aber die Ergebnisse der Wordprint-Studie erklärt werden. Vielleicht erzählt uns die Wordprint-Analyse mehr über Computer als über das Buch Mormon...

Book of Mormon Authorship hat einen Auf-den-ersten-Blick-Fall für die antiken Ursprünge des Buches Mormon geschaffen. Es versagt aber darin, auf die wissenschaftliche Kritik in einigen entscheidenden Gebieten zu reagieren. Zum Beispiel: Seit Welch seine Studie über Chiasmus 1969 das erste Mal veröffentlichte, ist entdeckt worden, dass Chiasmus auch in Lehre und Bündnisse (siehe z. B. 88:34-38; 93:18-38; 132:19-26, 29-36), in der Köstlichen Perle (Buch Abraham 3:16-19; 22-28) und anderen isolierten Werken des 19. Jahrhunderts auftritt. Somit ist Welchs Hauptprämisse, dass Chiasmus ausschließlich ein antikes literarisches Merkmal ist, falsch. Tatsächlich könnte das Vorhandensein von Chiasmus im Buch Mormon ein Beweis für Joseph Smiths eigenen literarischen Stil und Geist sein. Welch hätte seine Prämisse vielleicht stärken können, wenn er demonstriert hätte, dass die parallelen Glieder im Buch Mormon aus semistischen Wortpaaren bestünden, der Grundlage für antike hebräische Dichtkunst. Ohne eine solche Demonstration sind Welchs und Reynolds Argumente schwach.

(Dialogue: A Journal of Mormon Thought, Bd. 16, Nr. 4, Winter, 1983, S.141-143)

 

Da Chiasmus in vielen Sprachen auftritt, beweist seine Verwendung im Buch Mormon weder seinen semitischen Ursprung noch, dass er ein Stil ist, der für inspirierte Heilige Schrift besonders ist. In der Tat haben viele Kinderreime denselben Strukturtyp (z. B. Hickory Dickory Dock).

Interessanter Weise argumentieren sogar die Anhänger von James J. Strang, Brigham Youngs und Sidney Rigdons Rivale in Bezug auf die Führerschaft der HLT-Bewegung, mit chiastischer Struktur in Strangs Buch der Heiligen Schrift. Hier sind Beispiele von der Strangiten-Website:

 

Hier ist ein Beispiel für den Anfänger für Chiasmus aus dem Buch des Gesetzes des Herrn, Kapitel 39, Abschnitt 1, der guten Rhythmus zeigt. Beachten Sie, dass die Zeile A parallel zu A' steht und Zeile B parallel zu B':

 

A IHR SOLLT EUCH nicht KLEIDEN

B NACH DER ART der Narren oder anderer Menschen;

B' sondern NACH DER ART, die schicklich und bequem ist,

A' SOLLT IHR EUCH KLEIDEN.

 

Hier ist ein komplexeres Beispiel aus dem ERSTEN KAPITEL des Buches des Gesetzes des Herrn, wo Gott absichtlich in die Mitte der Struktur gestellt wurde:

 

A Ihr sollt den NAMEN des Herrn, deines Gottes, nicht UNNÜTZLICH FÜHREN

B Ihr sollt euch keine Herrschaft UNRECHTMÄSSIG ANEIGNEN

C als HERRSCHER; denn der NAME des Herrn, deines Gottes

D ist ÜBER ALLE ANDEREN NAMEN groß und herrlich;

E er steht ÜBER ALLEM,

F und ist der EINZIGE WAHRE Gott;

F' der EINZIGE GERECHTE und aufrechte König

E' ÜBER ALLEM;

D' er ALLEIN hat das RECHT

C' zu HERRSCHEN, und in seinem NAMEN nur derjenige, dem er es zugesteht;

B' wer nicht von ihm erwählt ist, derselbe ist ein UNRECHTMÄSSIGER MACHTHABER und unheilig;

A' der Herr wird ihn nicht schuldlos lassen, denn er FÜHRTE seinen NAMEN UNNÜTZ.

(http://www.strangite.org/Chiasmus.htm)

 

Chiastische Strukturen in Joseph Smiths Schriften beweisen sie nicht als authentischer als jene in James Strangs Buch seine Schriften nicht als inspiriert beweisen. Wie jemand im Recovery From Mormonism Board aufzeigte: „Der Chiasmus-'Beweis' ist wie der Versuch, aus einem Musikstück zu beweisen, dass sein Komponist theoretische Musik studiert haben muss. Und dennoch gibt es tonnenweise Musik, die die Grundlagen der musikalischen Gesetze erfüllen und die von Leuten erzeugt wurde, die nicht einmal lesen konnten und keine formelle Ausbildung darin hatten.“

Weitere Kommentare über Chiasmus kann man finden in unserem Mormonism—Shadow or Reality? S. 96G-96I, in Dialogue: A Journal of Mormon Thought, Bd. 17, Nr. 4, Winter 1984, in „Ancient Chiasmus Studied“ von Prof. John Kselman, S. 146-148, Dialogue, Bd. 26, Nr. 3, Herbst 1993, „Apologetic and Critical Assumptions about Book of Mormon Historicity“ von Brent Metcalfe, S. 162-171. Auch in New Approaches to the Book of Mormon: Explorations in Critical Methodology, hrsg.von Brent Metcalfe, Signature Books, SLC, 1993, Kap. 9, „A Record in the Language of My Father: Evidence of Ancient Egyptian and Hebrew in the Book of Mormon," von Ed. Ashment, S. 329-394.

Ergänzung des Übersetzers:

 

A Mein Volk GIBT ES NICHT MEHR.

B DIE MÄCHTIGEN SIND GEFALLEN und die Jungen in der Schlacht erschlagen.

C Ihre KNOCHEN bleichten durch den SCHATTEN des Mittags auf der Ebene

D Die Häuser sind zu Staub eingeebnet und die Mauern liegen IM STADTGRABEN. Sie werden bewohnt werden.

D' Ich habe sie VOR DEM BEGRÄBNIS bewahrt,

C' und ihre KNOCHEN im TodesSCHATTEN werden bis zum Sonnenaufgang bedeckt sein.

B' Sie schlafen mit den MÄCHTIGEN Toten und sie ruhen mit ihren Vätern. Sie sind in Sünde GEFALLEN

A' UND ES GIBT SIE NICHT MEHR, aber die Erwählten und Treuen werden dort wohnen.

 

(Aus der 1945-“Übersetzung“ der Voree-Platten.)



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