Die Anthon-Abschrift

Die Anthon-Abschrift

 

Im Buch Mormon, Mormon 9:32-33, lesen wir:

„Seht wir haben diesen Bericht unserer Kenntnis entsprechend in den Schriftzeichen geschrieben, die unter uns die verbesserten ägyptischen genannt werden; sie wurden uns überliefert und von uns nach unsrem Sprachgebrauch verändert.

Wären unsere Platten groß genug gewesen, dann hätten wir Hebräisch geschrieben; aber auch das Hebräische ist von uns verändert worden. Wenn wir Hebräisch hätten schreiben können, seht, dann wären keine Unvollkommenheiten in unserm Bericht gewesen.“

 

Der Antimormonenschreiber M. T. Lamb macht folgende Bemerkungen in Bezug auf die Idee hebräischer Schrift in Ägyptisch: „Das Buch Mormon legt vier unwahrscheinliche und wirklich absurde Aussagen dar.

1.                  Die erste ist, dass Lehi und seine Familie die ägyptische Sprache benutzten…

Es gibt eine Menge von Gründen, die solch eine Aussage allesamt unwahrscheinlich machen. Als erstes lebte Lehi sein ganzes Leben lang… in der Stadt Jerusalem, ständig von denen umgeben, die nur die hebräische Sprache sprachen. Wäre er von Geburt her Ägypter gewesen und hätte mit liebender Zärtlichkeit an seiner Muttersprache festgehalten, hätte obige Aussage eine andere Gestalt. Aber Lehi war ein Hebräer, ein reiner Hebräer, geboren und aufgewachsen in der Stadt Jerusalem, mit familiären Beziehungen und sozialem Umfeld, die allesamt hebräisch waren. Als zweites hassten die Juden die Ägypter mit einer Bitterkeit und es ist deshalb unbegreiflich, dass ein waschechter Jude, einer, der sein eigenes Volk wirklich liebte, loyal und patriotisch, wie er es zu sein bekannte, bereit gewesen wäre, sein Volk zu beleidigen, oder dass die Juden um ihn herum diese Beleidigung erduldet hätten. Als drittes hatte der antike Jude eine ungewöhnliche Verehrung für seine Muttersprache, das heilige Hebräisch… die Sprache, in der Gott selbst vom Sinai gesprochen hatte; die Sprache, in der all ihre heiligen Bücher geschrieben worden waren… die Sprache, in der die täglichen Dienste am Tempel abgehalten wurden… Nun, dass solch ein Mann mit solch einer verehrten Sprache stattdessen die ägyptische Sprache akzeptiert haben könnte, die nur mit Schmach und Unehre zusammengebracht wurde, wäre die Höhe der Absurdität…

2. Die zweite Aussage ist noch weniger einwandfrei – dass sich im Besitz eines Mannes mit Namen Laban, ein verwandter Lehis und ebenso ein Bewohner der Stadt Jerusalem, bestimmte Messingplatten gefunden wurden, auf denen in ägyptischer Sprache die fünf Bücher Moses eingraviert waren, die das Gesetz, die gesamte Geschichte der Juden vom ersten hinunter bis zu Labans Zeit, enthielten… alles vom Alten Testament, wie wir es haben, was bis zu der Zeit geschrieben worden war, nämlich sechshundert Jahre vor Christus… All diese Eingravierungen in ägyptischer SpracheDies ist noch unwahrscheinlicher und absurder als die erste Aussage. (The Golden Bible, S.89-91)

 

Der Mormonenschreiber J. N. Washburn gibt zu, dass dies ein echtes Problem ist: „Der Punkt der Aussage ist nicht, dass Vater Lehi, der Jude, Ägyptisch lesen und verstehen konnte, obwohl dies überraschend genug ist

Nein, die große Frage ist, wie die Schriften der Juden (offiziell oder anderweitig) dazu kamen in Ägyptisch geschrieben zu werden… Man kann kaum sagen, dass die Juden eine lange und intime Gemeinschaft mit Ägypten hatten. Das war lange vor den Tagen der meisten hebräischen Schriften. Auch hilft es nicht sehr viel, daran zu denken, dass die ägyptischen Schriften wahrscheinlich weniger Platz als Hebräisch erforderten, da wir wenig Kenntnis über andere hebräische heilige Schriften haben, die in dieser Sprache erhalten geblieben sind…

Wenn ich sagen müsste, was ich denke, was das schlimmste Problem für die Buch-Mormon-Gelehrten ist, würde ich ohne Frage folgendes nennen: Bericht in ägyptischer Sprache auf Platten aus Messing und die Messingplatten selbst!“ (The Contents, Structure and Authorship of the Book of Mormon, S.81)

Es ist interessant, dass Dr. Hugh Nibley meint, dass „reformiertes Ägyptisch“ aus der ägyptischen Schrift stammt, die als Demotisch bekannt ist, und er erklärt, dass Demotisch „das umständlichste, schwierigste und unpraktischste Schriftsystem war, dass je von Menschen ersonnen wurde!“ (Lehi in the Desert and the World of the Jaredites, Salt Lake City, 1952, S. 16) Auf Seite 15 desselben Buches sagt Dr. Nibley, dass “die persischen Eroberer Ägyptens Aramäisch anstatt Ägyptisch lernten, weil die ägyptische Schrift zu plump und schwer zu erlernen war.”

Wie auch immer, Joseph Smith behauptete, dass er eine Abschrift von einigen der Schriftzeichen auf den Goldplatten anfertigte und dass Martin Harris sie Professor Charles Anthon in New York zeigte. Joseph Smith zitierte Martin Harris und sagte: “Ich ging in die Stadt New York und übergab die Schriftzeichen, die übersetzt worden waren, mit der Übersetzung darauf Professor Charles Anthon, ein Gentleman, der wegen dieser Kenntnis verehrt wurde. Professor Anthon erklärte, dass die Übersetzung richtig wäre, echter als jede, die er zuvor aus dem Ägyptischen gesehen hatte. Ich zeigte ihm dann diejenigen, die noch nicht übersetzt waren, und er sagte, dass sie ägyptisch, chaldäisch, assyrisch und arabisch wären; und er sagte, dass es echte Schriftzeichen wären. Er gab mir eine Bescheinigung, die dem Volk von Palmyra bescheinigte, dass es echte Schriftzeichen wären und dass die Übersetzung derer, die übersetzt worden waren, ebenso richtig wäre.“ Ich nahm die Bescheinigung und steckte sie in meine Tasche und wollte gerade das Haus verlassen, als Mr. Anthon mich zurückrief und mich fragte, wie der junge Mann herausfand, dass es Goldplatten an dem Ort gab, wo er sie gefunden hatte. Ich antwortete, dass ein Engel Gottes es ihm offenbart hätte.

Er sagte daraufhin zu mir: ‚Lassen Sie mich diese Bescheinigung sehen.’ Entsprechend nahm ich sie aus meiner Tasche und gab sie ihm, als er sie nahm und in Stücke zerriss und sagte, dass es so etwas wie das Dienen von Engeln nicht gibt, und wenn ich ihm die Platten bringen würde, würde er sie übersetzen. Ich informierte ihn, dass ein Teil der Platten versiegelt wäre und dass es mir verboten wäre, sie zu bringen. Er erwiderte: ‚Ich kann ein versiegeltes Buch nicht lesen.’ Ich verließ ihn und ging zu Dr. Mitchell, der bestätigte, was Professor Anthon in Bezug auf die Schriftzeichen und die Übersetzung gesagt hatte.“ (History of the Church, Bd. 1, S. 20)

 

Wir denken nicht, dass Professor Anthon die Aussage gemacht haben könnte, die ihm in Joseph Smiths Geschichte zugeschrieben wird. Selbst Mormonenschreiber stellen die Richtigkeit einiger Aussagen in diesem Bericht in Frage. Dr. Sidney B. Sperry der BYU erklärt:

 

„In Bezug auf den letzten Punkt, als von Professor Anthon berichtet wird, gesagt zu haben, dass die Schriftzeichen ‚ägyptisch, chaldäisch, assyrisch und arabisch’ wären, können wir bereitwillig glauben, dass er ‚ägyptisch’ und ‚arabisch’ gesagt haben könnte, aber wenn er ‚chaldäisch’ und ‚assyrisch’ sagte, was meinte er mit diesen Bezeichnungen? Meinte er ‚Hebräisch’ und ‚Keilschrift’ oder ‚Keilschrift’ und ‚syrische’ Schriftzeichen? Oder, wenn er tatsächlich diese beiden Wörter sagte, versuchte er nur auf allgemeine Weise eine Anhäufung von Schriftzeichen anzudeuten? Die Antworten sind nicht zu wichtig, aber sie illustrieren unseren Punkt, dass einige geringere Angelegenheiten in Bezug auf Martin Harris Gespräch mit Professor Anthon nicht korrekt berichtet worden sein könnten. Wir müssen auch im Sinn behalten, dass Martin Harris kein Sprachwissenschaftler war, und in seinem Bericht an den Propheten könnte er unbeabsichtigt einige von Professor Anthons Aussagen in Bezug auf die Übersetzung falsch gedeutet haben.“ (The Problems of the Book of Mormon, von Sidney B. Sperry, Salt Lake City, 1964, S. 55-56)

 

Die wichtigste Frage in Bezug auf Martin Harris’ Besuch bei Charles Anthon ist aber, ob Prof. Anthon sagte, dass die Schriftzeichen „echte Schriftzeichen“ wären und dass „die Übersetzung richtig wäre“. In einem Brief vom 17. Febr. 1834 behauptete Professor Anthon, dass die „ganze Geschichte“ falsch wäre:

 

„Die ganze Geschichte über meine Verkündigung, dass die Mormoneninschrift reformierte ägyptische Hieroglyphen seien, ist vollkommen falsch. Vor einigen Jahren besuchte mich ein schlichter, offensichtlich einfach gesonnener Farmer mit einer Notiz von Dr. Mitchell aus unserer Stadt, der jetzt tot ist, und bat mich, das Papier, wenn möglich, zu entziffern, das der Farmer mir aushändigen würde. Während ich das in Frage stehende Papier untersuchte, kam ich bald zum Schluss, dass alles ein Trick war – vielleicht ein Schwindel… Ich habe mich immer wieder mit Freunden über das Thema unterhalten, seit die Mormonenaufregung begann und ich erinnere mich gut, dass das Papier außer ägyptische Hieroglyphen nichts enthielt.“ (Brief von Charles Anthon, wie in A Comprehensive History of the Church, Bd. 1, S.103 zitiert)

 

B. H. Roberts gab zu, dass die “Aussagen von Professor Anthon und Martin Harris sehr widersprüchlich sind“, aber er erklärt, dass Professor Anthon 1841 einen weiteren Brief, der einige Aussagen enthielt, die nicht im Einklang mit dem früheren Brief stehen (siehe Comprehensive History of the Church, Bd. 1, S. 100-109). Wie auch immer, in beiden Briefen erklärte Anthon, dass die Schriftzeichen NICHT echt waren. Einige Mormonenschreiber sind bereit zuzugeben, dass Anthon nicht behauptet haben konnte, dass die Schriftzeichen richtig übersetzt wären. Dr. Ross T. Christensen von der BYU erklärte:

 

„Während desselben Jahres brachte Martin Harris die ‚Anthon-Abschrift’ zu Professor Charles Anthon von der Columbia-Universität. (Köstliche Perle, Joseph Smith 2:63-65) Professor Anthon demonstrierte mit der Antwort, die er Martin Harris gab (wie von Harris Joseph Smith erzählt; und ich nehme an, dass es korrekt erzählt wurde), dass er gewillt war, auf dem Feld der Philologie Kenntnisse vorzugeben, von denen ich glaube, dass sie damals nicht auf der Erde existierten. ‚…Die Übersetzung war richtig, richtiger als jede, die er zuvor aus dem Ägyptischen übersetzt gesehen hätte’, erzählte Harris. (Vers 64) Ich glaube nicht, dass er wusste, wovon er redete; er konnte nicht wissen, ob es eine korrekte Übersetzung war. Zum einen, weil ägyptische Schrift 1828 noch nicht entziffert war; zum anderen, weil es kein Ägyptisch war, mit dem er es zu tun hatte – das heißt, keines der Formen des Ägyptischen, die heute Gelehrte kennen.“ (Book of Mormon Institut, BYU, 5. Dez. 1959, S. 10)

 

Der Mormonengelehrte Stanley B. Kimball gibt offen zu: „Was immer sie [Anthon und Mitchell] in Bezug auf die Richtigkeit der Übersetzungen sagten, kann nicht allzu ernst genommen werden.“ (Brigham Young University Studies, Frühjahr 1970, S. 335) Dr. Kimball macht auch folgende Bemerkungen in Bezug auf diese Angelegenheit:

„Es ist natürlich gänzlich möglich, dass sie überhaupt nichts über die Übersetzung sagten, sondern nur bemerkten, dass die Abschrift korrekt wäre, denn 1828 hatten weder Anthon, Mitchell (oder sonst jemand in der Welt in dieser Sache) vieles aus dem Ägyptischen übersetzt gesehen. Es ist nicht schwierig zu verstehen, wie ein Mann mit Harris’ Hintergrund Abschrift mit Übersetzung verwechselt haben konnte. Vielleicht war Harris so darauf erpicht, eine Prophezeiung der Heiligen Schrift zu erfüllen, dass er nur das hörte, was er hören wollte

Im Fall von Dr. Mitchell, abgesehen von den oben erwähnten Tatsachen, dass er in seiner Jugend eine Student der Klassik war und zumindest eine Lesefähigkeit von verschiedenen Sprachen hatte, ist kein anderer möglicher Beweis von der Kompetenz in ägyptischen Studien ans Licht gekommen… eine zehnseitige Biographie seiner Schriften weist darauf hin, dass er nie etwas in Bezug auf irgendeine Sprache veröffentlichte. Es scheint also, dass Mitchell Harris nur eine sehr oberflächliche Meinung in Bezug auf die Abschrift gegeben haben könnte…“ (Ebenda, S. 335-336)

 

Mormonenhistorikern gemäß existiert “ein Fragment der Abschrift der Buch-Mormon-Schriftzeichen“, das Professor Anthon übergeben wurde, immer noch. (siehe A Comprehensive History of the Church, Bd. 1, S.100) Auf der nächsten Seite wird der Leser eine Ablichtung der Anthon-Abschrift finden.

Wir kennen drei Ägyptologen, die vor kurzem die Anthon-Abschrift untersucht haben. Einer meinte, dass die Schriftzeichen dem Demotischen ähneln. Ein anderer dachte, sie sähen wie abgekürztes Hieratisch aus, und der dritte erklärte, dass sie nur „Gekritzel“ wären. Es ist natürlich möglich, dass Joseph Smith die Schriftzeichen aus irgendeinem Buch kopierte, das Material über Ägyptisch enthielt. Man sollte daran denken, dass der Rosettastein gerade vor der Jahrhundertwende gefunden wurde, und deshalb gab es ein großes Interesse in Joseph Smiths Tagen an ägyptischer Sprache. Der Mormonengelehrte Stanley B. Kimball erklärt, dass „viele Bücher um 1828 veröffentlicht worden waren, die getreue Nachbildungen von ägyptischen Schriftzeichen enthielten…“ (Brigham Young University Studies, Frühjahr 1970, Seite 334)

In demselben Artikel liefert Dr. Kimball folgende Information in Bezug auf die Anthon-Abschrift: „Über die Jahre sind aber Vorschläge und Versuche gemacht worden, aufzuzeigen und zu beweisen, dass die Schriftzeichen eine gewisse Form von Ägyptisch, Mittelamerikanisch oder gar Phönizisch sind. Das stärkste Argument, das man für die erfinderischen und Weg bahnenden Bemühungen derjenigen vorbringen kann, die den ägyptischen Ursprung der Schriftzeichen bevorzugen, ist die definitive Ähnlichkeit der RHLT-Abschrift-Schriftzeichen der ägyptischen Schriftzeichen. Aber dies beweist nicht, dass die Abschrift echt ist, dass die Schriftzeichen einen zusammenhängenden Gedanken ergeben oder ägyptisch sind. (In der Tat erscheinen zwölf, fast die Hälfte unserer englisch-lateinischen Buchstaben, im kyrillischen Alphabet, aber diese Tatsache wird nie und hat nie jemandem Einsicht verschafft oder beigetragen, Russisch, Serbisch oder Bulgarisch zu verstehen.) Es muss auch darauf hingewiesen werden, dass es so viele abweichende hieratische und demotische Schriftzeichen gibt, dass die Verwandtschaft vieler anderer Schriftsysteme mit Ägyptisch wahrscheinlich nachgewiesen werden könnte.

Wenn es im Fall der Schriftzeichen auf der Abschrift, weniger als absolut erscheint, dass sie ursprünglich ägyptisch waren, dann ist es nichtsdestoweniger unendlich stärker als all die anderen Argumente.“ (Brigham Young University Studies, Frühjahr 1970, S. 350)

 

Während viele Mormonengelehrte behauptet haben, dass die Schriftzeichen der ägyptischen Sprache entnommen worden sind, meint ein Mann, der an der Brigham-Young-Universität lehrt, dass sie Büchern über Magie entnommen wurden.


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